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ciao bella

Der erste Tag. Anders. Aufregend. Abseits des "normalen, deutschen" Lebens. Hier herrscht Lebensfreude. Jeder Mensch, auf seine Art und Weise, mit sich und der Welt im Reinen, so scheint es. Pure Freude in allen Bewegungen, Handlungen und Blicken. Ein jeder mit einem Lächeln im Gesicht.

Gestern um diese Zeit noch saß ich in Hamburg, alteingesessene Mentalität. Und vor allem: klirrend kalt! Mit zwei Pullovern, Jacke und Strickmantel bewaffnet stand ich so am Hamburger Airport und wartete auf die Durchsage, der Flug sei nun zum Check-In bereit. Keine Stunde später schon landete ich wohlbehalten in Düsseldorf. Wer auf schnieke Krawattenträger mit hochgezogenen Augenbrauen steht, war hier ganz in seinem Metier. Ich, die doch auch an keinem gut angezogenen Mann vorbei gehen kann, ohne zumindest die allerwichtigsten Dinge analysiert zu haben (Statur, Hintern, Geruch) war leicht überfordert und konnte in der Menge der blau/grau/grün/rot gepunkteten Schlipse kaum das Einzelindividuum wahrnehmen. Die arg männerlastige Masse schob mich umher. Eine Pause auf dem Barhocker, die mir doch sehr wohl vergönnt gewesen sein müsste (Auszeit, ihr After-Shave lastigen Testosteronen) endete in einem Gespräch mit Mister "Ich-stell-mich-kurz-vor:27-Finanzen-aufstrebend-BMW Z4 Roadster-Single" "aaaaahh jaaa..." schweigen... "Und Sie?" "7 Kinder"

Nein, zu meiner großen Überraschung hat er den Witz doch gerafft ("Dafür sind sie zu jung!" Ach was, brainy). Da ich ja nun einmal auf Männer mit Humor stehe (und sei er noch so schwarz, weiß oder grün-khaki kariert) hatte ich dann doch noch ganz nette 2 Stunden, die ohne meinen "einkaufen?-tut-meine-Haushälterin" bestimmt nie so unterhaltsam gewesen wären. Er wollte übrigens nach München, erzählte er mir. Warum er das tat weiß ich bis heute nicht. Und ich schätze zu meinem Leidwesen werde ich das auch so bald nicht erfahren. Grausame Welt.

Eingepfercht mit den "Spiiitzen-Managern" der Welt flog ich nun über Karlsruhe, Stuttgart, Zürich und landete trockenen Fußes in Milano/ Bergamo. Mein Koffer hatte diese harte Reise ebenso gut überstanden wie ich (eine gewisse geistige Schädigung mal ausgeklammert) und so standen wir beide, mein Koffer und ich, welch harmonische Beziehung, die so voll und ganz im Einklang mit sich selbst steht, am Airprt Mailands. Aber ich musste nicht lange warten, denn schon als ich den Ausgang passiert hatte, kam mir mein Gastvater entgegen und begrüßte mich herzlich (Küsschen rechts, Küsschen links). Die Autofahrt nach Comerio dauerte nicht lange, was besonders daran lag, dass wir uns viel zu erzählen hatten und die Zeit wie im Fluge verging. Hier in diesem kleinen beschaulichen Dörfchen ist es, als existierten die Menschen unabhängig vom steten Fortgang der Welt. Sie leben ohne sich vom Ticken der Uhren unter Druck setzen zu lassen und regeln ihr Leben wie es ihnen grade passend erscheint. Das Haus ist ein echter südländischer Traum: Über 2 gewundenen Treppen erreicht man eine riesige Terasse, die, geschmückt mit Säulen und riesigen Pflanzentöpfen, den ganzen Tag über die Sonnenstrahlen gefangen hält. Dort sitze ich nun, hoch oben über den Dächern der Stadt, zu meiner Linken die Berge, rechts sehe ich den Lago di Varese glitzern. Die Hängematte spielt in dem leichten Wind, der die 25 Grad wunderbar abrundet. Und ich, die fast schon etwas zweifelnd diesen Weg angetreten hatte, fühle mich nun ganz und gar, rundum und sowieso:glücklich zufrieden!

Ps: Hannah ist ein Schatz, mir ist selten solch ein unkompliziertes Wesen untergekommen. Sie ist noch nachts als ich kam leise aus ihrem Zimmer geschlichen gekommen, um einen Blick auf mich erhaschen zu können, und hatte sich hinter einer viel zu kleinen Kiste versucht zu verstecken. Ihre Mutter erzählte sie war den ganzen Tag schon so aufgeregt gewesen und heute morgen beim Frühstück hat sie ihr Leben herausgesprudelt als gäbe es kein Morgen. Zu meiner ersten Amtshandlung wird es gehören, ein Puzzle bauen zu dürfen, das sie mir heute morgen ganz stolz zeigte: Auf schlichtem beige-braunem Hintergrund gesellen sich auf 3000 Teilen ein hell brauner Mann und eine normal braune Frau, die auf einem dunkelbraunem Felsen hocken. Ich freu mich!

1 Kommentar 11.10.07 13:20, kommentieren



preso dalla vita reale

Panetteria. Würde mich jemand bitten, ein Schlagwort zu nennen, dass das alltägliche Leben der Italiener am treffendsten umschreibt, es wäre dieses. Das Leben spielt sich hauptsächlich in solch einer kleinen Bäckerei ab, vor, neben und nach einer Tasse Kaffee, gesellig eingenommen zu einem süßen Brioche und Unmengen an neustem chiacchierata, dem heißesten "Stargeflüster", den schockierndsten Gerüchten, dem aktuellsten Klatsch und Tratsch. Nach nun 3 Wochen dolce vita habe ich nicht nur angefangen, dem Cappuchino zuzusprechen, sondern auch jedes mal, wenn ich an einer weiteren kleinen schmucken Panetteria vorbeikomme, diese heimlich in meinem imaginären Stadtführer rotpunktig mit dem Hinweis "Provare" zu vermerken. (Anbei ein kurzer Einwurf meinerseits: Es ist doch wirklich erschreckend, frustrierend, ja sogar schockierend! dass ich, die ihr Latinum NICHT hat (trotz all der 5 jährigen Strapazen und der sich umdrehenden und weiterfressenden Schafe) weiß, was provare bedeutet, ohne es nachzuschlagen und mindestens 98 Prozent von euch, die ihr Latinum HABEN (Zusammengeschleimt! Abgeschrieben!(!!) Gekauft!), dieses Wort nachgoogeln werden, um seine Bedeutung zu verstehen! Aber das nur nebenbei) Wie auch immer: Meine rotbefleckte Karte, die eigentlich wenn ich richtig nachschaue nur noch aus Punkten zusammengehalten wird, stellt meinen 9-Monats-Plan dar. Nach meiner Zeit hier möchte ich zumindest den perfekten Kaffee in der harmonischsten Umgebung herausanalysiert haben, den Ort, an dem die spannendsten Geschichten erzählt und die leckersten Croissants serviert werden. Wie schön, wenn man ein Lebensziel hat!

 

Ich muss von meinen Nachbarn, signor und signorina erzählen (Klar haben die auch einen Namen, nur habe ich natürlich kein plan, wie der Name ausgesprochen, geschweige denn geschrieben wird, daher wähle ich also schlicht und ergfreifend diese wunderbar simple Formulierung, und sie trifft es auch wirklich im Kerne). Es sind wunderbar süße alte Leutchen. Wir verstehen uns zwar nicht verbal, dafür aber auf dieser, wie nennt man es doch gleich... ja, dieser zweiten, HÖHEREN Ebene. Da sind keine Worte nötig. Ein kurzer Umriss:

Er: "laberrababa"

Ich [keine ahnung was er von mir will] : "Si si!"

Er: "Fortführung des eben erwänten Rababers"

Ich [immer noch keine Checkung] : "Aaaaahh! Si! Bene!"

Sie: "capito?"

Ich [boah, voll den Durchblick!!!]: "Si!! Grazie, arrivederci!"

 

Wozu also Worte? Ich habe auch ohne diese lästigen Vibrierungen der Stimmbänder verstehen können, was sie von mir wollten. So halb zumindest. Nun ja, ich glaube sie wollten mit einfach nur was aus ihrem Leben erzählen. Ja genau, war ja auch nett zu erfahren wies so läuft bei ihnen.

Gut, hoffe ich.

 

Nun stehen hier die Ferien an und ich hoffe, dass ich jetzt die Zeit finden werde, mir die Gegend genauer anzuschaun und in mir aufzunehmen. Die Landschaft ist ziemlich beeindrucken und auch wenn ich nie zu den naturbesessenen Romantikjunkies gehört habe, denen jedes Glitzern des Wassers und Aufquaken der fetten Kröte dort am Rande ein geseufztes "oooohhh wie schöööön" entlockt, so hole ich doch mindestens einmal am Tag meine Kamera heraus, weil jeder Augenblick hier so ganz anders ist als der vorausgegangene oder der kommende. Na klar, mag man jetzt sagen, das ist nun mal so und bringt die Physik der Zeit und des Fortgangs so mit sich, und doch scheint die Sonne jeden Tag anders, die Berge schimmern heute bläulicher als gestern und der Nachthimmel wird an diesem Tag von rosanen Fäden durchzogen, am nächsten schon ist er flammendrot und spielt mit dem langsam aufziehenden Blau der Nacht. Kitschig? Nein, ich nehme nur zum ersten Mal ganz bewusst und jeden Moment aufs neue wahr, was um mich herum geschieht. Ich weiß nicht, ob die veränderten Lebensumstände daran Schuld sind, die neue Umgebung oder die fremde und daher aufregende Atmosphäre, aber ich genieße es so zu leben. So kann ich viel mehr aus meiner Zeit hier mitnehmen und mein gewohntes Leben nicht nur durch die neugewonnen Eindrücke formen, sondern auch etwas von diesem wahnsinnig schönen Gefühl weiterleben. 

 

Scusi, ich bin abgeschweift und habe es trotz des Platzes, denn ich jetzt schon wieder gefüllt habe, nicht geschafft von den wirklich konkreten Dingen zu berichten. Aber das werde ich nachholen und einen sachlichen Bericht ohne jegliche philosophischen Tiefgänge und tiefenpsychologischen Ergründungen nachreichen. (ich weiß, dass ihr wisst und dass auch ich weiß, dass ich das eh nich schaffe aber das hält mich ja nicht davon ab, wenigstens meinen guten Willen zu zeigen). So werde ich mich nun meinen Vokabeln und Deklanationen zuwenden, denn sie buhlen regelrecht um meine Aufmerksamkeit. Arrivederci

1 Kommentar 28.10.07 20:27, kommentieren