Archiv

Qualle oder Tüte?

Dieser Abend - herausfordernd - zwingt mich zu schreiben. Wovon weiß ich selbst noch nicht. Ich möchte mich treiben lassen - hinein in Gedanken, Entwürfe, Illusionen. Und letztendlich Utopien.

Ich hetzte hindurch.

Mein Leben.

Fortlauf.

Bestimmt durch Visionen wie Illusionen. Prägend stechen vor allem letztere hervor, denn sie zeigen mir in aller Deutlichkeit, was ich nicht bin, jedoch gehofft, nein sagen wir, nie gewagt habe zu sein. Weshalb dieses Zögern? Angst?

 

Was ist das? Angst. Dieses fast schon banal einfach ausgesprochene Wort, das in so mannigfaltigen Optionen daherkommt, mal schleichend leise, mal erschreckend offensichtlich. Aus was zieht es sein Kraft und welche Bedeutung kann ihm zugestanden werden?

 

Wir verbinden mit dem Wort vorallem ein beklemmendes, banges Gefühl, eine Regung, der wir nicht Herr werden können, die uns mehr kontrolliert als dass wir sie auch nur begreifen könnten. Folglich wäre eine genaue Definition gar nicht zu geben, denn im Gegensatz zu der irrtümlich häufig als Synonym verwendeten Furcht, ist die Ängstlichkeit kein gerichteter Zustand.

Es hat weder diesen einen Auslöser, noch bezieht es sich auf ein Ding, eine Sache, einen Menschen, eine Tat, ein Gefühl. Es ist universell. Und im Prinzip auf nichts bezogen. Außer das Nichts. Denn da die Furcht sich lediglich auf reale Bedrohungen stützt, die Angst jedoch das eigentliche Gegenteil, unsere Emotionen bestimmt oder von ihnen bestimmt wird, ist das "Nichts", die Leere, die nicht real sein kann, da wir sie nicht sehen, fassen oder spüren können, grade das Universum, was uns Angst lehrt.

Fassen wir den Begriff der philosophischen Leere, des Nichts, etwas weiter und bringen wir den Begriff auf den Stand des 21. Jahrhunderts: Vorsokratiker setzen den Terminus mit der Begrifflichkeit des "Nichtssein" gleich, denn im "Nichts" könne es ja simplerweise auch nichts geben, was sei. Etwas "Nichtseiendes" wiederrum könne es schon deshalb nicht geben, da, sobald wir "Seienden" darüber anfingen nachzudenken und zu sprechen, wir also etwas aussagen, das eigentlich "Nichtseieende" Inhalt zugesprochen bekommt. Doch welches Nichts kann Materie enthalten?

 

So setze ich den Begriff des Nichts mit dem der Leere und Endgültigkeit gleich. Sie ist der Gegenpart zum Sein. Und das Sein, das vorallem durch Menschlichkeit geprägt ist: Wärme, Liebe, Hass, Hunger, findet sein Antonym in der Einsamkeit. Folglich wäre die Verlassenheit das "Nichts". Oder präziser ausgedrückt: Das Gefühl, allein zu sein, das ist Leere. Und daraus zieht die Angst seine allesberauschende Kraft: Denn, sind wir ehrlich, wer ängstigt sich nicht davor, verlassen zu sein?!

 

Ich werde es wagen und der Einsamkeit eine sehr große Bedeutung für unsere klägliche Existenz zusprechen. Ich meine nicht das gelegentliche "Allein-mit-sich-selbst-sein", dem ich wiederrum ziemlich großes Gewicht zugestehe, denn ich stehe dazu, jedem ein gewisses Maß an Individualismus einräumen zu dürfen, und das findet man vorwiegend nur, wenn man sich mal mit sich selbst auseinander setzt (einige sollten anfangen sich diesem Prozess einmal zu stellen - Kampfbereitschaft) - ja es ist mittlerweile sogar eine Voraussetzung der befristeten Einsamkeit geworden, sich selbst zu leben. Es ist Selbstbestimmung und die benötigen wir nicht nur zum Entschluss, uns zurückzuziehen, sondern auch um zum Kollektivismus zurückzukehren. Dieser kann einengen, er kann uns in Bahnen lenken, in die wir nicht schwimmen wollten, uns Kreise ziehen lassen, wo man hätte straight durchwandern können, uns behindern und vielleicht sogar unterdrücken. Doch nicht erdrücken, sofern wir lernen aus der Gesellschaft Gegenwert zu ziehen. Zwischenmenschliche Beziehungen, die uns wieder uns selbst spüren lassen, da sie uns so viele Gefühle entdecken lassen, sind die Hauptessenz zum wahren "Ich" sein.

Man könnte quasi einfach ausgedrückt sagen: Wir, als lebende Individuuen, wir sind Gefühl.

 

Das "Ich-Sein", das durch die nuancenreichsten Emotionen genährt wird, ist auch als denkendes, fühlendes Wesen nicht losgelöst von dem "Nichts". Ganz im Gegenteil: Die Angst vor Leere lässt uns das Leben spüren.

Ist somit nicht das negativ verschrieene Gefühl "Angst" sogar notwendig, um das Leben in all seinen Möglichkeiten zu leben?

1 Kommentar 29.12.07 01:06, kommentieren