preso dalla vita reale

Panetteria. Würde mich jemand bitten, ein Schlagwort zu nennen, dass das alltägliche Leben der Italiener am treffendsten umschreibt, es wäre dieses. Das Leben spielt sich hauptsächlich in solch einer kleinen Bäckerei ab, vor, neben und nach einer Tasse Kaffee, gesellig eingenommen zu einem süßen Brioche und Unmengen an neustem chiacchierata, dem heißesten "Stargeflüster", den schockierndsten Gerüchten, dem aktuellsten Klatsch und Tratsch. Nach nun 3 Wochen dolce vita habe ich nicht nur angefangen, dem Cappuchino zuzusprechen, sondern auch jedes mal, wenn ich an einer weiteren kleinen schmucken Panetteria vorbeikomme, diese heimlich in meinem imaginären Stadtführer rotpunktig mit dem Hinweis "Provare" zu vermerken. (Anbei ein kurzer Einwurf meinerseits: Es ist doch wirklich erschreckend, frustrierend, ja sogar schockierend! dass ich, die ihr Latinum NICHT hat (trotz all der 5 jährigen Strapazen und der sich umdrehenden und weiterfressenden Schafe) weiß, was provare bedeutet, ohne es nachzuschlagen und mindestens 98 Prozent von euch, die ihr Latinum HABEN (Zusammengeschleimt! Abgeschrieben!(!!) Gekauft!), dieses Wort nachgoogeln werden, um seine Bedeutung zu verstehen! Aber das nur nebenbei) Wie auch immer: Meine rotbefleckte Karte, die eigentlich wenn ich richtig nachschaue nur noch aus Punkten zusammengehalten wird, stellt meinen 9-Monats-Plan dar. Nach meiner Zeit hier möchte ich zumindest den perfekten Kaffee in der harmonischsten Umgebung herausanalysiert haben, den Ort, an dem die spannendsten Geschichten erzählt und die leckersten Croissants serviert werden. Wie schön, wenn man ein Lebensziel hat!

 

Ich muss von meinen Nachbarn, signor und signorina erzählen (Klar haben die auch einen Namen, nur habe ich natürlich kein plan, wie der Name ausgesprochen, geschweige denn geschrieben wird, daher wähle ich also schlicht und ergfreifend diese wunderbar simple Formulierung, und sie trifft es auch wirklich im Kerne). Es sind wunderbar süße alte Leutchen. Wir verstehen uns zwar nicht verbal, dafür aber auf dieser, wie nennt man es doch gleich... ja, dieser zweiten, HÖHEREN Ebene. Da sind keine Worte nötig. Ein kurzer Umriss:

Er: "laberrababa"

Ich [keine ahnung was er von mir will] : "Si si!"

Er: "Fortführung des eben erwänten Rababers"

Ich [immer noch keine Checkung] : "Aaaaahh! Si! Bene!"

Sie: "capito?"

Ich [boah, voll den Durchblick!!!]: "Si!! Grazie, arrivederci!"

 

Wozu also Worte? Ich habe auch ohne diese lästigen Vibrierungen der Stimmbänder verstehen können, was sie von mir wollten. So halb zumindest. Nun ja, ich glaube sie wollten mit einfach nur was aus ihrem Leben erzählen. Ja genau, war ja auch nett zu erfahren wies so läuft bei ihnen.

Gut, hoffe ich.

 

Nun stehen hier die Ferien an und ich hoffe, dass ich jetzt die Zeit finden werde, mir die Gegend genauer anzuschaun und in mir aufzunehmen. Die Landschaft ist ziemlich beeindrucken und auch wenn ich nie zu den naturbesessenen Romantikjunkies gehört habe, denen jedes Glitzern des Wassers und Aufquaken der fetten Kröte dort am Rande ein geseufztes "oooohhh wie schöööön" entlockt, so hole ich doch mindestens einmal am Tag meine Kamera heraus, weil jeder Augenblick hier so ganz anders ist als der vorausgegangene oder der kommende. Na klar, mag man jetzt sagen, das ist nun mal so und bringt die Physik der Zeit und des Fortgangs so mit sich, und doch scheint die Sonne jeden Tag anders, die Berge schimmern heute bläulicher als gestern und der Nachthimmel wird an diesem Tag von rosanen Fäden durchzogen, am nächsten schon ist er flammendrot und spielt mit dem langsam aufziehenden Blau der Nacht. Kitschig? Nein, ich nehme nur zum ersten Mal ganz bewusst und jeden Moment aufs neue wahr, was um mich herum geschieht. Ich weiß nicht, ob die veränderten Lebensumstände daran Schuld sind, die neue Umgebung oder die fremde und daher aufregende Atmosphäre, aber ich genieße es so zu leben. So kann ich viel mehr aus meiner Zeit hier mitnehmen und mein gewohntes Leben nicht nur durch die neugewonnen Eindrücke formen, sondern auch etwas von diesem wahnsinnig schönen Gefühl weiterleben. 

 

Scusi, ich bin abgeschweift und habe es trotz des Platzes, denn ich jetzt schon wieder gefüllt habe, nicht geschafft von den wirklich konkreten Dingen zu berichten. Aber das werde ich nachholen und einen sachlichen Bericht ohne jegliche philosophischen Tiefgänge und tiefenpsychologischen Ergründungen nachreichen. (ich weiß, dass ihr wisst und dass auch ich weiß, dass ich das eh nich schaffe aber das hält mich ja nicht davon ab, wenigstens meinen guten Willen zu zeigen). So werde ich mich nun meinen Vokabeln und Deklanationen zuwenden, denn sie buhlen regelrecht um meine Aufmerksamkeit. Arrivederci

28.10.07 20:27

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