A Verona

Ciao ragazzi,

ich habe ein Wochenende erlebt, das an Spannung, Aufregung, Sonnenschein und gemachten Persönlichkeiten nicht zu überbieten ist. Die Geschichte nahm seinen Anfang am Freitag, den 20.06.08, um 8.35 h, als ich in das Auto kletterte, Sarah abholte und wir gemeinsam 211 Kilometer südöstliche Richtung zurücklegten. Unsere Reise führte uns nach Verona, der Stadt mit der schönsten Opernbühne Europas, dem wohl tradionellsten und delikatesten Kuchen Italiens, dem Pan d'Oro, und nicht zuletzt mit der wohl tragischsten Liebesgeschichte unserer Zeit. Der Balkon der Julia ließ erahnen, welch nächtlichen Qualen Romeo ausgesetzt sein musste, um dort hoch zu gelangen und seiner wartenden Geliebten in die Arme sinken zu können. Und ich konnte den Schmerz des Paares förmlich fühlen, als es am nächsten Morgen, noch bevor die Sonne aufging, Zeit war Lebewohl zu sagen, ungewiss, ob sie sie wiedersehen würden. Ein tiefer, mitleidender Seufzer entrang sich mir.

Bis die Entzauberung kam und Sarah ganz trocken zu mir sagte:

"Laura, der Balkon ist nicht echt. Den haben sie da ran gesetzt, damit die Touristen was zum seufzen haben. Begreif doch, die Geschichte ist erfunden!" Wie unsanft man in die Realität geschubst werden kann. Tragisch aber wahr: Das Haus kaufte die Kommune 1905 und man erklärte es kurzerhand zu jenem der Familie Capuleti, aus der Julia stammte - einfach weil es in Besitz der Familie Dal Capello stand und dieser Name doch dem der Capuleti so ähnlich sei und weil durch Buchstabenverschiebung es doch gewesen sein könnte, dass... - so argumentierten zumindest jene Personen, die für den Ankauf zuständig gewesen waren. Eine touristische Sensation war geschaffen und - na klar - ausgebufftes Marketing tat den Rest um träumerisch romantischen Menschen (Ich!) vorzugaukeln, die wahre Liebe existiere und komme selbst an diesem Balkon vorbei. Und doch, der Platz besaß für mich trotz allem die Aura einer unglücklichen Liebesgeschichte, ich konnte mir das damalige Leben auf den verwinkelten Etagen, den engen Stiegen und zwischen den hohen Mauern lebhaft ausmalen.

 

So verbrachten wir noch den restlichen Tag in Verona Stadt, besahen alte Türme, Brücken und Burgen, vergnügten uns in der Shopping-Meile, aßen ein wahrhaft schlechtes Mittagessen und ein unglaublich gutes Eis (weil bestehend aus 70% Sahne und 30 % Zucker). So gestärkt und noch ein bisschen hübscher gemacht, als die Natur uns eh schon hervorgebracht hat, gingen wir dann des Abends auf die Piazza Brá um in der Arena die Verona die Oper "Aida" mitzuerleben. Die Vorstellung begann um kurz nach 9, auf unseren Plätzen (Steinefelsen!) saßen wir schon um 8. Frohen Mutes belächelten wir die alten Damen und Herren um uns herum, die sich ein Sitzpolster mitgebracht hatten, lächerlich, wir sind junge Dinger und so ungaublich hart im Nehmen! Son paar Stündchen auf nem Felsen zu sitzen wird schon nicht das Problem sein.

 

Die Sonne versank hinter unseren Rücken, ein dunkelroter abendlicher Schleier legte sich über die Arena und jeder Besucher zündete eine kleine Kerze an, die er am Eingang überreicht bekommen hatte. Ich habe in meinem Leben selten etwas gesehen, was mich so berührt hat. Die Arena, die immerhin Platz für 22.000 Menschen bietet, erstrahlte in einem unaufdringlichen, aber einnehmendem Licht. Das matte Rot, das noch über uns lag, hüllte die Umrisse der Altstadt in einen goldenen Schleier und ich war in diesem Moment unendlich dankbar.

Die Vorstellung begann mit einigen Glockenschlägen, die Kerzen erlischen, die Bühnenlichter erstrahlten und die ersten Töne erklangen. Ich war sehr berührt, weniger von den Worten, denn durch das alte, prosaische Italienisch war es mir dann doch way too anstrengend gleichzeitigen hören, sehen und übersetzen zu müssen. Doch die Darstellung war, besonders durch die tänzerischen Elemente, umwerfend schön. Ich genoss dies alles sehr. Bis, schätzungsweise halb 11, mein Po anfing unendlich wehzutun. Doch Frau beißt die Zähne zusammen und nimmt den Schmerz auf sich, wenn nicht für die Kultur, wofür dann? Autsch! Es wurde halb 12. Hey, nur die Harten kommen in den Garten. 12. Protagonist in diesem Drama: Mein Hintern. Halb 1. Kann ich überhaupt noch was fühlen? 1. Maaaammmma mia! Halb 2. Schluss, aus, empty, basta, finito. Nein, nicht das Stück, aber wir. Und so schlichen wir uns unauffällig auffällig aus der Arena. Okay, ich habe nicht mehr mitbekommen, wie da jemand eingemeißelt wird, aber hey, ich darf stehen.

So wanderten wir noch ein wenig durch die Stadt um das abendliche Flair einzufangen, ehe es zum Auto ging und wir Richtung Gardasee weiterfuhren, denn wir hatten uns fest vorgenommen, am nächsten Morgen am Wasser zu erwachen. Die Fahrt dauerte nicht lange, wir suchten uns das nächstgelegene hübsch aussehende Fleckchen Erde, stellten uns Mitten in die Pampa, verriegelten die Autotüren und schliefen ersteinmal den Schlaf der Gerechten. Oder der Geschundenen. Mein Po jedenfalls weiß, was er geleistet hat.

Wir verbrachten den Vormittag in Sirmione, lagen am Ufer, planschten im Wasser und ließen es uns gutgehen. Leider mussten wir viel zu früh den Rückweg antreten, denn einige von uns (ich nicht, ich lebe bequem ) mussten noch arbeiten. Noch vollkommen high von den vielen wunderschönen Erlebnissen kam ich zu Hause an und macht es mir grade gemütlich, als der Anruf kam. Und ich mich ersteinmal setzen musste. Autsch. Verdammt.

23.6.08 12:50

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bisher 1 Kommentar(e)     TrackBack-URL


Dieter (6.7.08 16:12)
Oper ist schön - auch wenn man hart sitzen muss! Allein die Musik entschädigt doch für vieles. Und denke an die armen Besucher in Bayreuth bei Wagner, der "Ring" ist ein Tagesjob.
Ich freue mich trotzdem auf unsere gemeinsamen Konzertbesuche - in welche Richtung auch immer.
In Liebe

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